Kinder auf Beerdigungen

Kinder auf Beerdigungen

Kinder auf Beerdigungen

Ich habe es gerne, wenn kleine Kinder auf Beerdigungen anwesend sein. Alleine ihre Gegenwart wirkt entspannend. Ihre Unbekümmertheit ist manchmal nahezu anrührend. Irgendwann hatte ich mal einen kleinen Enkel, der den Weg zum Grab als Abenteuer auffasste und ständig um den Sarg seiner Oma herumlief, bis wir am ausgehobenen Grab ankamen. Keiner hat den Jungen zurechtgewiesen oder Anstoß genommen an seinem Verhalten. Im Gegenteil. Auch Babygeschrei während der Feier stört mich nicht – im Gegensatz zum Klingeln des Handys bei Erwachsenen.

Dazu kommt, daß Kinder uns zeigen, daß das Leben weitergeht. Daß der Tod zwar Bestandteil unseres Lebens ist, aber letztlich das Leben nicht aufhört. Ein Friedhof, auf dem ich häufiger arbeite, liegt direkt neben einem Kindergarten. Wenn man also an bestimmten Stellen nahe am Zaun ist, kann es passieren, daß die tieftraurige Andacht von kreischenden und johlenden Kinderstimmen von jenseits des Zauns überlagert wird. Mir gefällt das und ich merke auch, daß es oft auch trauenden Angehörigen ein Lächeln entlockt. Auch sie empfinden den „Lärm“ nicht als störend, sondern eher als tröstend.

Wenn Kinder selbst trauern, weil sie z.B. ein Elternteil verloren haben, ist das etwas anderes. Zu diesem Thema hatte ich mich schon ausführlich geäußert:
https://trauer-mueller.de/kinder-und-tod-wenn-eltern-sterben/

Und jeder, der Kinder liebt, ist in guter Gesellschaft: „In jener Stunde kamen die Jünger zu Jesus und fragten: Wer ist denn im Himmelreich der Größte? Da rief er ein Kind herbei, stellte es in ihre Mitte und sagte: Amen, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich hineinkommen. Wer sich so klein macht wie dieses Kind, der ist im Himmelreich der Größte. Und wer ein solches Kind in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf“ (Mt 6,1-5)

Bild von Myriam Zilles auf Pixabay
Heidenangst statt Gottesfurcht?

Heidenangst statt Gottesfurcht?

Heidenangst statt Gottesfurcht?

Heute verlas unser Pastor die neuesten Pandemie-Verordnungen des Bistums. Diesmal ging es um Heizen und Lüften der Kirchenräume in der kalten Jahreszeit. Die Kirchenleitung kümmert sich rührend um die Gesundheit ihrer Gläubigen. Auch wies der Pastor nochmals darauf hin, beim Ausgang die Abstände einzuhalten. Man merkte ihm allerdings an, was er von dem ganzen Pandemie-Zirkus hielt.

In deutschen Gotteshäusern herrscht seit langem „Heidenangst statt Gottesfurcht“. So ist zumindest mein Eindruck. Wir haben zwar mit Christus nach offizieller Lehre den Tod überwunden („auferstanden am dritten Tage“), aber wenn es so richtig ernst wird, dann erreicht der Glaube nur unsere Lippen und nicht unsere Herzen.

Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Die Kirchen müssen diese Vorschriften einhalten, egal ob man sie persönlich für sinnlos oder überzogen hält wie der Verfasser dieser Zeilen. Ich hätte nur im „Haus des Herrn“ von vielen Beteiligten eine gelassenere Haltung erwartet. Schließlich sind wir zumeist keine unmündigen Kinder, die man mehrmals während eines Gottesdienstes ermahnen muss, die Hygieneregeln einzuhalten.

Aber mir geht es um etwas grundsätzlich anderes. Mir geht es nicht um Hygieneregeln, sondern um die Botschaft Christi. Als Christen haben wir Zeugnis von unserem Glauben abzulegen. Und die zentrale Botschaft Christi ist die Furchtlosigkeit. Jesu Ankunft in der Welt beginnt mit den Worten der Engel an die Hirten: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird“ (Lk 2,10). Und was Jesus selbst uns in der Bergpredigt: „Wer von euch kann mit all seiner Sorge sein Leben auch nur um eine kleine Spanne verlängern? … Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat genug an seiner eigenen Plage“ (Mt 6, 27. 34). Wie aber deckt sich dieses Zeugnis mit der allseits verbreiteten Angst vor Krankheit und Tod?

Ein Freund von mir sandte mir von einiger Zeit einen Text von P. Klaus Mertes aus St. Blasien zu. „Wir kapitulieren vor dem Tod“ lautet sein Titel. Und Pater Mertes schreibt dort: „Im Ersten Korintherbrief heißt es: ‚Tod, wo ist dein Sieg, Tod, wo ist dein Stachel?‘ (1 Kor 15,55). In der Parallelstelle bei Hosea (13,14) heißt es sogar: ‚Tod, wo sind deine Seuchen, Unterwelt, wo ist dein Stachel?‘ Von diesem Osterjubel höre ich in den gegenwärtigen Debatten nichts. Vielmehr werde ich das Gefühl nicht los, dass wir – mit Tunnelblick auf den täglichen Todes- und Infektionsticker – vor dem Tod kapitulieren. Vor der Angst, infiziert zu werden. Vor der Schuldangst, andere zu infizieren“.

Und weiter schreibt er: „Kampf gegen das Sterben kann auch dem Tod Macht über das Leben geben“. So sehe ich das auch. Mit Heidenangst statt Gottesfurcht bekommt der Tod mehr und mehr Macht über unser Leben. Für uns Christen darf das nicht eintreten, sonst verlieren wir jede Glaubwürdigkeit als Zeugen für die Botschaft unseres Herrn. Wir Christen müssen Zuversicht verbreiten und sollten nicht mitsingen im Chor der Angstbeladenen.

Den kompletten Text von Pater Mertes finden Sie hier:
https://www.katholisch.de/artikel/25276-wir-kapitulieren-vor-dem-tod?fbclid=IwAR3mEo5Tu6P7vANQux5C52RJRoADuPEWz5DYV5ehDkifp3lJVsZo2DEfOLE 

Bild von Thomas B. auf Pixabay
Sterbehilfe

Sterbehilfe

Sterbehilfe

Gestern erzählte mir meine Schwägerin ganz verstört von einer alten Bekannten von ihr, die ihrem langen und schmerzhaften Leiden nächste Woche mithilfe von Sterbehilfe ein Ende bereiten wird. Sie habe sich das lange überlegt und sei nun zu dem Schluss gekommen, daß sie es nun tun möchte. Ihre Kinder seien einverstanden und tragen den Entschluss mit.

Sterbehilfe ist seit Jahrzehnten ein juristisch wie ethisch umstrittenes Thema. Als praktizierender Katholik müsste ich eigentlich strikt dagegen sein und es gibt auch gute ethische Gründe, Sterbehilfe – speziell in ihrer aktiven Form – abzulehnen. Der Katechismus der Katholischen Kirche verbietet aktive, erlaubt aber passive Sterbehilfe (KKK 2277).

Aber bin ich berechtigt, über andere Menschen zu urteilen? Über Menschen, deren körperliche und seelische Qualen ich mir nicht einmal ansatzweise vorstellen kann? „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“, ruft Jesus uns zu (Jo 8,7).

In den 80er Jahren nahm sich der marktschreierische Julius Hackethal des Themas an. Das fand ich seinerzeit abstoßend. Viele Jahre später jedoch las ich die Autobiografie von Herbert Fux, der 2007 mit Hilfe einer Schweizer Sterbehilfeorganisation wegen seiner unheilbaren Krankheit freiwillig aus dem Leben schied. Er schildert den Weg zu dieser Entscheidung sehr eindringlich und sehr bewegend. Seine Frau meinte später: „Herbert wollte aufrecht aus dem Leben scheiden. Und genau das hat er gemacht“.

Sterbehilfe wird auch Euthanasie genannt – wörtlich übersetzt: Guter, schöner Tod. In der Tradition des Benediktinerordens kenn wir Christen das Gebet um eine gute Sterbestunde: „Gott, du hast unseren Heiligen Vater Benedikt in seinem Tod wunderbar verherrlicht. Gewähre uns, die wir seiner gedenken, dass er uns im Sterben beistehe und vor den Nachstellungen des Feindes schütze. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn“.

Eine „gute Sterbestunde“ zu erbitten, ist also ein durch und durch christliches Anliegen. Wenn Gott uns diese Bitte dann leider verwehrt, dann müssen wir mit unserem persönlichen Gewissen entscheiden, ob wir uns beim Sterben die Hilfe anderer Menschen holen. Letztlich kann das nur jeder für sich persönlich entscheiden und mit Gott ausmachen. Wir sollten dies nicht kommentieren. Denn Jesus sagt uns: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ (Mt 7,1).

Bild von Gordon Johnson auf Pixabay
Die Aufbahrung

Die Aufbahrung

Die Aufbahrung

Letzte Woche hatte ich wieder solch einen Fall. Als ich nach der Beerdigung in die Trauerhalle, um meinen Weihwasserkessel zu holen, wurde eine Aufbahrung im offenen Sarg für die nächste Beerdigung vorbereitet. Sie ist selten geworden, die öffentliche Aufbahrung eines Verstorbenen in der Trauerhalle. Ich erlebe sie eigentlich nur noch, wenn ich Spätaussiedler aus Russland als Kunden habe.

Wie der Tod im Allgemeinen aus dem Alltag verschwunden ist, so sind es auch die Verstorbenen selbst. Mein Großvater starb 1963 zu Hause an Steinstaublunge und er wurde wie selbstverständlich zu Hause in seinem Bett aufgebahrt und die Nachbarn kamen, um sich von ihm dort zu verabschieden. Dort wurde er auch in den Sarg gelegt. Zur Beerdigung wurde er von zu Hause abgeholt, mit Pferdewagen und Bergmannskapelle.

Die Aufbahrung gehört zu den Abschiedszeremonien. Heute findet sie meist im familiären Umfeld statt. So auch bei uns in der Familie bei meinen Eltern und Schwiegereltern. Sie ist wichtig, um den Tod – im wahrsten Sinne des Wortes – „begreifbar“ zu machen. Man kann, ja man soll ruhig den verstorbenen Menschen berühren. Ihm auf die Stirn küssen, seine Hand ergreifen, die Wange streicheln. Die Aufbahrung schafft die Möglichkeit, einer sinnlichen Form des Abschiednehmens.

In einer Welt, aus der die Körper unserer Verstorbenen mehr und mehr verschwunden sind, hat sich nämlich ein neuer Aberglaube eingenistet: daß die Berührung eines toten Menschen irgendwie „schädlich“ ist. Das ist blühender Unsinn, genauso wie das Gerede vom „Leichengift“. Nein! Ich ermuntere Sie alle zu diesem intimen und auch körperlichen Abschiednehmen. Ich kann verstehen, daß viele Menschen keine öffentliche Aufbahrung wünschen. Besonders nach schweren Krankheitsverläufen oder Unfällen soll man die Menschen so in Erinnerung behalten, wie man sie erlebt hat.

Dennoch bleibt die Aufbahrung ein wesentlicher Teil unseres Totenkults. Über einen gelingenden Trauerprozess entscheidet auch ein gelingender Abschied, ob offen in der Trauerhalle oder im kleinen Kreis beim Bestatter oder am Totenbett.

Bild von Dean Moriarty auf Pixabay
Sterben mit Corona II

Sterben mit Corona II

Sterben mit Corona II

Im April hatte ich einen ersten Beitrag zum Thema verfasst, als mein erster Kunde allein und einsam im Pflegeheim verstarb, nicht an Corona, aber wegen der Maßnahmen, die verhängt wurden, um sein Leben und seine Gesundheit zu „schützen“: Quasi Einzelhaft im Einzelzimmer, Kontaktverbot zu anderen und zur eigenen Familie.

Heute Vormittag hatte ich Nr. 20 – nach weiteren fünf Monaten „Schutz“. Zugegebenermaßen haben sie die „Haftbedingungen“ gelockert. Unter strengen Auflagen natürlich. Eine Tochter erzählte mir, es wäre ihr so vorgekommen wie sie es aus dem Fernsehen kannte, wenn Angehörige Gefangene im Gefängnis besuchen.

Ich habe mir entsetzliche Schilderungen anhören müssen in den letzten Monaten, voller Wut und Verzweiflung, daß man nicht zu den pflegebedürftigen, schwer kranken oder gar sterbenden Angehörigen durfte. Es war die Schilderung der Hilflosigkeit der alten Menschen, die mich besonders erschüttert hat. Ein Sohn durfte seinen Vater nur durch eine Glastür sehen und ihm zuwinken. Der alte Mann wollte zum Sohn und verstand nicht, warum man ihn wegführte.

Die Mutter eines Freundes wurde 100 Jahre: Niemand durfte von der Familie zu ihr. Sie haben unter dem Fenster im ersten Stock gestanden und mit Schreien und Gestikulieren gratuliert. Und niemand hat die Alten gefragt, ob sie und ob sie so „geschützt“ werden wollten.

Heute, im September, habe ich noch immer keinen Corona-Toten. Ein Bestatter, für den ich arbeite, hatte im halben Jahr einen – möglichen – Fall. Mein Hausarzt mit großer Praxis hatte in der gleichen Zeit, ungefähr im Februar, auch eine alte Frau, die auf Corona positiv getestet wurde. Man hat sie intubiert und daran ist sie verstorben. Sie war 89 Jahre alt und schwer vorerkrankt. Vielleicht starb sie auch am Virus.

Natürlich ist Schutz von Risikogruppen wichtig. Aber einfaches, monatelanges Wegsperren und das systematische Austrocknen der sozialen Kontakte? Der Volksmund sagt nicht umsonst: Das Gegenteil von gut ist nicht schlecht, sondern gut gemeint.

Bild von Sabine van Erp auf Pixabay

Moderne Trauermusik

Moderne Trauermusik

Moderne Trauermusik

Noch vor einer Generation waren viele Musiktitel, die heute auf Beerdigungen erklingen, undenkbar. Selbst bei nicht-christlichen Beerdigungen wurden von einem Organisten klassische Melodien gespielt, eben halt nur keine Kirchenlieder. Und der oder die Verstorbene im Chor sang oder in einer Kapelle musizierte, dann sang oder spielte man zur Trauerfeier Lieder aus dem Repertoire.

Heute ist das anders. Es hat nicht nur damit zu tun, daß es heute weniger rein kirchliche Beerdigungen gibt, es liegt auch an der Möglichkeit, Musik digital abzuspielen. Mit Schallplatten oder Musik-Cassetten kann man nicht auf den Friedhof, mit einem Stick schon.

Ein weiterer Grund ist, daß Beerdigungen heute persönlicher geworden sind. Der oder die Verstorbene selbst steht mehr im Mittelpunkt des Geschehens. Auch bei klassischen katholischen Beerdigungen wird heute vom Verstorbenen geredet. Vor 25 Jahren war das noch undenkbar. Allerhöchstens stellte man bei bedeutenden Persönlichkeiten einen Nekrolog zeitlich vor die eigentliche Trauerfeier.

Ich sehe das anders. Natürlich finde ich die Musik, die da gespielt wird, oftmals grauenhaft. Aber zum einen gilt für mich die alte Anglerweisheit, daß der Wurm dem Fisch und nicht dem Angler schmecken muss. Zum anderen ist es doch so, daß diese Feier die letzte gemeinsame Stunde ist, die Familie, Angehörige und Freunde mit dem bzw. der Verstorbenen verbringen. Auch wenn sie tot sind, sind sie doch noch präsent, sei es im Sarg oder in der Urne.

Diese letzte Stunde, die Stunde des Abschieds, sollte – bei aller Trauer – auch schön und im Sinne der Verstorbenen sein. Und dazu gehört (auch) die Musik, die er oder sie oder die man gemeinsam gehört hat, die ein tröstliches Erinnern an die schönen Stunden ist, die man miteinander verbracht hat. Trotz aller Tränen: Eine Abschiedsfeier ist eine Feier. Und zu einer Feier gehört Musik. Und diese Musik muss denen gefallen, die feiern. Sonst niemandem. Auch mir nicht.

Bild von Sad93 auf Pixabay